In der Schlacht um Verdun wurde 1916 elf Monate lang erbittert um ein Fleckchen Erde gekämpft, ohne dass sich dabei der Frontverlauf nennenswert verschoben hätte. Ungefähr genau so schnell – wenn auch etwas weniger blutig – ging es am Sonntag Nachmittag bei REWE in der Schlange am Leergutrücknahmeautomat voran. Die Feindseligkeit unter den Wartenden war allerdings auch nicht viel anders als damals im Weltkrieg. Einige in der Reihe sahen zudem auch so aus, als ob sie bereits seit einigen Monaten im Graben stationiert waren.
Der REWE Markt im Ostbahnhof ist gut besucht – besonders an den Sonntagen, an denen er dank seiner Lage im Bahnhof geöffnet sein darf. Dass es dort nur einen einzigen Automaten zur Annahme von Flaschen gibt und sich das Personal leider weigert, zusätzlich von Hand Leergut anzunehmen, führt regelmäßig zu einer Warteschlange quer durch den ganzen Laden. Die Tatsache, dass der Automat alle Nase lang blockiert oder der Mechanismus zum drehen der Flaschen versagt, der es dem Scanner erlaubt auch auf der ihm abgewandten Seite liegende Strichcodes zu finden, macht es auch nicht gerade besser. Die einzige Maßnahme, die REWE gegen die Überbeanspruchung ergriffen hat, ist ein handgeschriebener Zettel, der die Abgabe auf “haushaltsübliche Mengen” beschränken soll. Was denn eigentlich eine haushaltsübliche Menge ist, haben sich die Verantwortlichen aber auch nicht wirklich überlegt scheint mir.
Ich selbst stand auch mit massenweise Leergut an – und das ist bei mir durchaus “haushaltsüblich”. Alle Zwei Wochen findet ein Spieleabend statt, dazu meistens noch ein oder Zwei Runden DSA. Zusätzlich mein Eigenverbrauch. Da die Wartezeiten am Pfandautomat relativ hoch sind und ich meistens auf dem Rückweg vom Büro einkaufen gehe, d.h. bei diesen Gelegenheiten kein Leergut dabei habe, sammelt sich einiges an bevor ich es zurückbringe. Ein logistisches Problem meinerseits mag der geneigte Leser denken, aber überlegen wir uns doch auch kurz einmal was ein “normaler” Haushalt in einer einzigen Woche versäuft… Gehen wir mal von einer 4 köpfigen Familie aus und nehmen wir an sie deckt ihren Flüssigkeitsbedarf aus durchschnittlichen Mehr- und Einwegflaschen. Diese haben im allgemeinen ein Fassungsvermögen von 0,75 bis 1,5 Litern. Jedes Haushaltsmitglied soll (insbesondere bei den sommerlichen Temperaturen) eigentlich 2 bis 3 Liter pro Tag konsumieren. Mit anderen Worten 2 bis 3 Flaschen. Unsere Beispielfamilie kämpft sich einmal die Woche in die Gräben von REWE und hat dann ca. 56 bis 84 Flaschen dabei. Und dann soll noch mal einer behaupten die ganzen Sammler in der Reihe hätten keine “haushaltsüblichen Mengen”. Der Leser möge sich alleine mal das Volumen von 84 Plastik Einwegflaschen vorstellen… Natürlich stehen die “Berufs-Sammler” jeden Tag da, sicherlich, aber das kann man ja schlecht kontrollieren und die armen Schweine haben es eigentlich auch nicht verdient, dass man ihnen da auch noch Steine in den Weg legt, wenn sie es denn schon nötig haben Mülleimer und Straßengräben nach leeren Flaschen zu durchsuchen.
Böse Zungen könnten behaupten das eigentliche Problem liegt an der Armut in Berlin. Der Tatsache, dass die Leute selbst die Flaschen, die der Automat nicht nimmt, und die deswegen von jemandem vor ihnen schon in den Müllkorb neben dem Automaten gelegt wurden immer wieder herauspuhlen und selbst nochmal versuchen abzugeben zeigt das recht deutlich. Aber offiziell ist der politische Wille ja, dass alle Flaschen mit Pfand auch genau zu den Läden mit den dämlichen Automaten zurückgetragen werden und eben nicht in irgendwelchen Mülleimern in der Stadt landen, aus denen sie die Veteranen der Supermarktgräben wieder hervorholen. Ich habe mir nach dem nervigen und sich ewig hinziehenden Belagerungskampf auch überlegt ob ich in Zukunft den Kram einfach in den Müllcontainer (Verzeihung, den Wertstoffsammelbehälter des Dualen Systems) werfe, aber das kann ja auch nicht im Sinne des Erfinders sein – oder doch? Sind diese Automaten denn im Grunde etwas anderes als ein Alibi? “Schaut her, prinzipiell könnt ihr das Zeug zurückbringen”. Aber jede Flasche, die dann doch irgendwo im Müll landet bringt irgendjemandem ja 25 Cent Gewinn…
Eigentlich müssten die Rücknahmeeinrichtungen in den Verkaufsstellen es erlauben, dass man mit minimalem Zeitaufwand von sagen wir insgesamt nicht mehr als ein oder maximal zwei Minuten die “haushaltsübliche Menge” auch einer Großfamilie, die sich vielleicht sogar nur alle zwei Wochen zum Supermarkt findet abgeben kann. Wartezeit in der Schlange schon eingerechnet. Die Automaten sind einfach zu langsam. Nach Einführung des Pfandes hat man den ganzen Kram an der Kasse abgegeben, das ging schneller. Die Kassiererin hat die Menge grob geschätzt Flaschen gezählt und in der Schlange stand man sowieso schon zum bezahlen an. Gut, es war etwas unpraktisch, dass man beim Einkauf ständig den Kram an der Backe hat, wenn man eigentlich frische Lebensmittel haben möchte. Aber was kann man sonst tun? RFID Ettiketten für die Flaschen, so dass man sie nur noch durch einen Torbogen an der Supermarkttür schieben muss und schon gibt es einen Pfandbon? Das ginge zumindest wesentlich schneller als die Barcode-Geschichte… Leergutannahme@Home? Ein Flaschenschredder mit USB Anschluss? Geht natürlich auch nicht, zu viel Manipulationsmöglichkeiten… die Pragmatische Lösung wäre es den ganzen Mist einfach abzuschaffen. Ab mit den Flaschen in den gelben Sack und den Rücktransport zum Recycling übernimmt die Müllabfuhr. Dummerweise häuft sich dann aber wieder der Müll in den öffentlichen Grünanlagen, weil es dann keine Obdachlosen billigen Arbeitskräfte mehr gibt, die die ganzen Flaschen die dort herumliegen wieder einsammeln. Denn mal ganz ehrlich, das ist doch der einzige positive Effekt der ganzen Einwegpfandgeschichte, oder? Arme Säue, die hinten den Umwelt-Säuen den Müll wegräumen.
Bis bald und dem Leser viel Glück bei seinem nächsten Abstecher in die Gräben von Verdun des nächsten Supermarkts.